Dôkan, die „Halle des Wegs“ versteht sich als Übungsstätte (dôjô) für alle Menschen, die ernsthaft daran interessiert sind ihre persönliche Entwicklung durch eigenes Bemühen und mit der Hilfe anderer voranzutreiben. Die Menschen, die in der Halle des Wegs zusammenkommen, erklären sich bereit alle anderen Übenden mit Achtung zu behandeln und gewisse Formen des gegenseitigen Umgangs miteinander (dôjô-kun) einzuhalten.

Eine anderes Schriftzeichen für „Halle“, aber mit der gleichen Aussprache, macht aus der „Halle des Wegs“ einen berühmten Zen-Ausspruch, „der Weg ist ein Kreis“ (道環). Auf die Gemeinschaft der Übenden bezogen macht dies deutlich, dass die eigene Entwicklung stets in Zirkeln verläuft und nie vollständig abgeschlossen sein wird.

„Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“ (Mk 10,43)
 
 
Der „Weg des Kriegers“ ist ein Gleichnis für die persönliche Entwicklung, welche ein Leben lang andauert. Die intensive Auseinandersetzung mit Formen und Wegen des Zweikampfes gibt dem Übenden Selbstvertrauen und Sicherheit. Den Weg des Kriegers zu beschreiten bedeutet im Verständnis des Dôkan, sich mit Körper, Seele und Geist darum zu bemühen, sein eigenes Potential zu verwirklichen, ungeachtet aller Schwierigkeiten die sich dabei ergeben.

„Konfuzius sprach: Als ich fünfzehn war, war mein Wille aufs Lernen gerichtet. Ich war dreißig und stand fest. Mit vierzig hatte ich keine Zweifel mehr. Mit fünfzig kannte ich den Willen des Himmels. Als ich sechzig war, hatte ich ein feines Gehör, um das Gute und das Böse, das Wahre und das Falsche herauszuhören. Mit siebzig konnte ich den Wünschen meines Herzens folgen, ohne das rechte Maß zu überschreiten.“ (Konfuzius – Gespräche)
 
 

Die Werte und Ideen des Dôkan-Lichtenau werden mit neun Schriftzeichen 

ausgedrückt und sollen im folgenden kurz erläutert werden:

 
 

Himmel und Erde stehen für die beiden alles durchdringenden Kräfte von Yin und Yang: für Aktivität und Stille, Wille und Hingabe, Gerechtigkeit und Güte, Geist und Körper, Härte und Nachgiebigkeit, Außen und Innen. Sie bekämpfen einander nicht, sondern ergänzen einander; sie unterdrücken einander nicht, sondern folgen aufeinander. Die Aufgabe des Übenden besteht darin, das Verhältnis von Yin und Yang in seinem eigenen Leben immer aufs neue zu erkennen und auszubalancieren.

 

„Alle Dinge tragen das Yin und halten sich an das Yang.

Deren harmonisch gemischten Wirkkräfte bringen Einklang.“ (Daodejing)

 

 
Toleranz entsteht, wenn man erkennt wie die eigene Sichtweise der Welt ebenso durch Erfahrungen bedingt und von Wünschen und Hoffnungen abhängig ist wie die Sichtweise aller anderen Menschen. Toleranz bedeutet auch, die liebgewonnenen Sicherheiten vermeintlicher Gewissheiten aufzugeben, und die eigene Sicht gleichberechtigt neben anderen Meinungen und Sichtweisen stehen lassen zu können.

Damit aus Toleranz jedoch keine Orientierungslosigkeit wird, tritt ihr die „Treue“ zur Seite, im japanischen Schriftzeichen ausgedrückt durch „in der Mitte (中) des Herzens (心)“. Treue sich selbst gegenüber, Handeln nach bestem Wissen und Gewissen, bei gleichzeitiger Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Zielen sind ein wesentliches Element auf dem Weg der persönlichen Entwicklung.
 

"Von vier Dingen war der Meister völlig frei: Er war frei von Voreingenommenheit, von Absolutheit, 

die keinen Zweifel zulässt, von Starrsinn und von Egoismus." (Konfuzius – Gespräche)

 
 

Bedachtsamkeit und Selbstperfektion stehen für den Einsatz der geistigen Kräfte auf dem Weg der persönlichen Entwicklung. Bedachtsamkeit bedeutet, keine vorschnellen Urteile oder Entscheidungen zu treffen. Sie verlangt, sich eine Sache von vielen Seiten anzuschauen, sich viele Meinungen anzuhören und in Ruhe über alles Nachzudenken. Weder Trägheit, Begierde, Hochmut oder Unlust dürfen einen daran hindern, eine so weit wie möglich neutrale Sicht zu erhalten und zu bewahren.

Die Selbstperfektion wendet den Blick nach innen, indem sie das eigene Verhalten, die eigenen Entscheidungen und Ansichten glasklar und ohne etwas Zurückzuhalten einzig unter dem Gesichtspunkt prüft, inwieweit sie ohne andere Menschen zu verletzen der eigenen Entwicklung förderlich waren. Selbstperfektion bedeutet darüber hinaus, ein Leben lang an der Verbesserung seiner körperlichen und geistigen Fertigkeiten zu arbeiten.

 

Konfuzius sprach: Lernen ist wie das Anhäufen von Erde. Ist der Hügel fast fertig, bis auf einen einzigen Korb Erde, und ich höre auf, so ist das ein Stillstand, den ich selbst verschuldet habe. Wenn ich aber erst beginne und gerade einen einzigen Korb hingeschüttet habe, mich aber weiterhin bemühe – das ist ein Fortschreiten, das ich selbst zuwege bringe. (Konfuzius – Gespräche)

 
 

Im Unterschied zur Bedachtsamkeit meint Achtsamkeit v.a. das wertfreie, reine Wahrnehmen der eigenen Gedanken, Gefühle, Worte und Taten, der eigenen Umwelt und der Mitmenschen. Achtsamkeit ist die Grundlage für jede gezielte persönliche Entwicklung. Sie ist der Keil des Bewusstseins zwischen dem instinktiven Reiz-Reaktions-Schema, welcher dem Einzelnen frei gewählte Entscheidungen überhaupt erst möglich macht.

Diese, auf Achtsamkeit basierende, durch Toleranz, Treue und Bedachtsamkeit getragene Entscheidungsfreiheit befähigt den Übenden, die für seine Selbsterhaltung angemessenen Mittel zu erkennen, zu ergreifen, und sie in Verbindung mit der durch das Streben nach Selbstperfektion erlangten praktischen Fertigkeit auch umzusetzen.

 

„Es gibt Zeiten, in denen die Gerechten verfolgt und die Gütigen gefährdet werden, in denen die Ehrerbietigen verfolgt und die Vorsichtigen nicht angestellt werden. Da sind die Aufrichtigen der Bestrafung stets ausgesetzt, und wenn sie nicht ausweichen, so sind sie in Gefahr, schuldig gesprochen zu werden. Darum verbirgt sich der Edle auf hohen Bergen und in den Niederungen tiefer Sümpfe; er fristet sein Leben, indem er sich von Eicheln, Kastanien und Sämereien des Waldes nährt oder sein Getreide bestellt und alt wird in einem Dorf von zehn Häusern.“ (Li Gi)

 
 
Die Liebe steht im Zentrum der neun Zeichen. Sie kann mit Worten niemals ausgedrückt werden, ihre Bedeutung zu erkennen bleibt Aufgabe jedes Einzelnen. Als tiefe Sehnsucht ist sie es, welche im Innersten eines jeden Menschen bewusst oder unbewusst regiert und den persönlichen Lebensweg bestimmt.
 
 

 

Der Verfasser obenstehender Texte ist Dr. Julian Braun (Jahrgang 1973).

 

Kampfkunst seit 1980. Studium der Japanologie, Philosophie und Völkerkunde; Promotion im Fach Japanologie mit einer Dissertation zum Thema: „Der gemeinsame Weg von Schwert und Pinsel – Philosophie und Ethik japanischer Kriegskunst der Tokugawa-Zeit.“ Mehrere Fortbildungen im pädagogischen Bereich.

 

Dr. Julian Braun wohnt in München und arbeitet freiberuflich in den Bereichen Bildungsarbeit, Gesundheitsförderung und Persönlichkeitsentwicklung.

 

Mehr Informationen auf seiner Homepage www.selbstschmiede.de

 

Dr. Julian Braun