Kampfkünste

 

Kampfsport/Kampfkunst

JKD-Concepts

Brazilian JuJitsu & Kino Mutai

Filipino Martial Arts

 

Philosophie

 

Budo

Essay

Dr. Julian Braun

 

 

 

Kampfsport / Kampfkunst

Kampfsport und Kampfkunst sind zwei Begriffe, die auf den ersten Blick scheinbar die gleiche Bedeutung haben. Beide haben offensichtlich etwas mit Kampf zu tun. Bei näherer Betrachtungsweise lassen sich jedoch gravierende Unterschiede erkennen.

Kampfsport ist eine organisierte Form der Kampfkunst. Er ist die Basis für reglementierte Zweikämpfe mit kalkulierbarem Verletzungsrisiko. Vor allem japanische Kampfkunstmeister waren nach dem zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Entwicklung und Verbreitung dieser Sportarten beteiligt. Hierfür gab es zwei wesentliche Gründe:

  1. Man konnte dadurch viele junge Männer für die ansonsten eher durch die Zeichen der Zeit entstellten Kampfkünste begeistern und so auch die damit verbundenen gesellschaftlichen Werte vor dem starken Einfluss der westlichen Weltanschauung bewahren.
  2. Die Kampfsportarten entwickelten sich zeitweise zu Japans Exportschlager Nummer 1. Aber auch das damit in engem Zusammenhang stehende Gedankengut bezüglich Kultur und Religion fand in der westlichen Welt sehr viel Aufmerksamkeit.

Judo, Karate-Do, und das koreanische Tea Kwon Do zählen heute zu den am weitest verbreiteten Kampfsportarten der Welt. Für die Durchführung von Wettkämpfen mussten die Kampfkunstarten mit Hilfe von Vorschriften und Regeln erheblich entschärft werden. Im Wesentlichen handelt es sich hierbei um:

  • Altersbeschränkungen
  • Gewichtsklassen
  • Verbotene Trefferzonen
  • Verbotene Angriffs- und Verteidigungstechniken
  • Kampfzeit nach Runden
  • Anwesenheit von Ringrichtern, Ärzten und Sanitätern
  • Punktwertung, überwiegend nach optischen Merkmalen
  • Ausreichend gesicherte Kampfflächen
  • Wettkampf-Termine

Diese Voraussetzungen müssen für die verantwortungsvolle Organisation von Wettkämpfen gegeben sein. All diese Faktoren definieren Kampfsport und haben einen kleinsten gemeinsamen Nenner:

Sie sorgen für einen fairen Verlauf der Veranstaltung, sind jedem Kampfsportler bekannt und bieten ausreichend Gelegenheit zur Vorbereitung.

Kampfkunst dagegen muss ohne diese festen Konstanten auskommen. Die sich eventuell ergebende Selbsterhaltungssituation ist durch nichts und niemanden vorhersehbar. Alle Begleitumstände dieses Spiels sind unbekannte Größen, ganz ähnlich wie das Leben selbst. Neben dem Wann, Wo, Wie und Warum spielen Waffen, behelfsmäßige Waffen und Schlagverstärker eine ganz wesentliche  Rolle. Möglicherweise ist nicht nur das eigene Leben bedroht, sondern auch das von Freunden und Angehörigen. Des Weiteren sind Krankheit, körperliche Beeinträchtigung, Alkohol und Drogen maßgebliche Einflussfaktoren. Selbst Fluchtszenarien mit und ohne Auto können nicht ausgeschlossen werden. Dies verdeutlicht eindrucksvoll das einzig existierende Gesetz der Notwehrsituation:  Es gibt keine kalkulierbaren Konstanten!!! Wir können daraus also schließen, dass der Ring nicht die Straße und der Sport nicht die Kunst ist.

Neben diesen Unterscheidungen in der praktischen Ausführung und Anwendung, kann man von Kampfkunst nur dann sprechen, wenn Kampftechniken mit Strategie und Philosophie eine Einheit bilden.

 

Jeet Kune Do Concepts

Auf der Suche nach der ultimativen Wahrheit des Zweikampfes entwickelte der weltbekannte Kampfkünstler Bruce Lee gemeinsam mit seinem Freund, Schüler und Trainingspartner Dan Inosanto ein eigenes Kampfsystem. Ihre Nachforschungen führten Sie unter anderem zu den Techniken und Prinzipien des europäischen Fechtens und des westlichen Boxens. Diese Kampfsportarten betonen die Effizienz und nicht die Tradition. Bruce erkannte, dass einzig und allein die Anwendbarkeit in einem realistischen Kampf über die Qualität einer Technik entscheidet. Durch eine akribische Analyse aller in irgendeiner Art und Weise zugänglichen Kampfkunstarten isolierte er Techniken, Konzepte und Prinzipien, entfernte alle unnötigen Schnörkel, Rituale und Dogmen und fügte nur solche in sein Kampfkunstkonzept ein, die er in einem echten Straßenkampf für funktionell hielt. Er nannte seine Kampfkunst Jeet Kune Do (JKD) - Der Weg der unterbrechenden Faust - und definierte sie dem Wesen nach als nicht klassisch. Sie beruht auf den Grundprinzipien:

  • Einfachheit
  • Anpassungsfähigkeit
  • Bewegungsökonomie

Bruce Lee war jedoch nicht gewillt mit JKD eine neue Kampfkunst mit neuen Dogmen, Begrenzungen und Einschränkungen zu schaffen. Für ihn war JKD der persönliche Entwicklungsprozess eines Menschen. Beeinflusst durch sein Studium der Philosophie und der Gedankenwelt Jiddu Krishnammurtis, der sagt, dass man Wahrheit nur selbst finden und nicht durch andere erlernen kann, formulierte er seine Leitmotive:

  • Using no Way as Way – Öffne Dich für alle Wege, denn der Weg selbst ist schon Begrenzung
  • Having no Limitation as Limitation – Setze Dir keine Grenze als Grenze
  • Absorb what is usefull, reject what is useless and add what is specifically your own – Nehme auf was nützlich ist, verwerfe was nutzlos ist und füge dem hinzu was ganz speziell Dein eigenes ist

Dieser Entwicklungsprozess führte zu einem der effektivsten und realistischsten Kampfkunstsysteme der Welt, welches im „House of Combat“ als JKD-Concepts gelehrt wird.

 

Brazilian JuJitsu & Kino Mutai

Das Brazilian Ju-Jitsu (BJJ) wurde insbesondere durch die Familie Gracie und Ihren Turniererfolgen bei den ersten Ultimate-Fighting-Championships (UFC) Anfang der 90er Jahre bekannt und weckte unmittelbar darauf weltweites Intresse.

Es handelt sich dabei um eine Weiterentwicklung des japanischen Ju-Jitsu, welches durch Elemente aus dem Griechisch-Römischen Ringen und dem indischen Yoga ergänzt wurde.

In Verbindung mit dem philippinischen Kino Mutai (Vital-, Beiß-, Kratz- und Zwicktechniken sowie Augenquetschen) entstand eine einzigartige Selbstschutz-Methode in und aus der sehr gefährlichen Bodenlage.

Absolut realitätsnah und auch für Anfänger leicht erlernbar.

 

Filipino Martial Arts (FMA) / Philippinische Kampfkünste und Attributes Development

Was bedeutet Attributes Development?

Man versteht darunter den Aufbau und die Entwicklung von selbstverteidigungsrelevanten Eigenschaften.

Schon oft hat man gehört, dass ein Schwarzgurt mit vielen Jahren Trainingserfahrung einer in Kampfkünsten unausgebildeten Person in einer körperlich gewalttätigen Auseinandersetzung unterlegen war. Wie kann das sein? Der Grund hierfür ist, dass der Ausgang einer solchen Situation weniger durch die jeweiligen technischen Kenntnisse, als vielmehr durch die Fähigkeiten und Eigenschaften der Beteiligten entschieden wird.

Eigenschaften sind die inneren Qualitäten eines Menschen, die den Urgrund darstellen, aus dem die Selbstverteidigungstechniken entspringen. Diese umfassen unter anderem, die Bereitschaft alles Notwendige zu tun um zu überleben, Achtsamkeit, Sensitivität, Timing, Reflexe, Kraft, Ausdauer, Körpermechanik und natürlich auch die technischen Fertigkeiten.

Aufbau und Entwicklung von Eigenschaften, sowie die Selbstverteidigungsfähigkeit mit und gegen Hieb- und Stichwaffen im Rahmen der geltenden Gesetzeslage, sind die Kernthemen der FMA. Sie bieten mit ihren umfangreichen Waffensystemen, Stock, Messer, Espada y Daga, Doppelstock, Doppelmesser, Dos Manos, Langstock, Palm Stick, sowie Alltagsgegenstände wie Taschenlampe, Kugelschreiber, Schraubenzieher, Schlüssel, Handy usw., hervorragende Trainings Drills wie Carrenza, Sumbrada, Cerrada und Numerada. Diese Trainingsmethoden sind geradezu prädestiniert, unter hoher Intensität und mit häufig wechselnden Trainingspartnern jene Eigenschaften zu entwickeln, die als Superior Attributes (überlegene Eigenschaften) bezeichnet werden. 

In diesem Sinne sind die FMA mit einem Eisberg vergleichbar. Die Spitze dieses Eisbergs sind die Techniken (Jabs, Kicks, Trapping Techniques usw.), während unter der Wasseroberfläche  die enorme Masse lauert, die sich aus den genannten Eigenschaften zusammensetzt. Und wie der erfahrene Seemann nur zu gut weiß, ist es diese Masse, die den größten Schaden anrichtet.

 

Budô (武道) – der kämpferische Weg

Die dem House of Combat zugrundeliegende Ausrichtung und Philosophie kann mit dem japanischen Ausdruck budô, der „kämpferische Weg“, zum Ausdruck gebracht werden.

Unter budô verstehen wir dabei diejenige Form körperlicher und geistiger Kultivierung, welche im Japan der Tokugawa-Zeit (1603-1868) ihre volle Ausformung und Blüte erreichte. Das zu dieser Zeit entwickelte Ideal des „gemeinsamen Weges von Pinsel und Schwert“ (bunbu-ryôdô) ist der direkte Vorläufer der neuzeitlichen japanischen Kampfkünste wie Karate-dô, Jû-dô, Aiki-dô oder Ken-dô. Diese Kampfkünste verpflichten den Praktizierenden, sich ohne Unterlass sowohl der Verbesserung seiner kämpferischen Fertigkeiten, als auch der Bildung seiner Persönlichkeit zu widmen.

Das gleichzeitige Bemühen um Wehrhaftigkeit sowie um die Entwicklung einer gefestigten und wahrhaft friedvollen Persönlichkeit mag unvereinbar oder paradox erscheinen – nichtsdestotrotz kann es auf eine lange Tradition zurückblicken. Bereits bei Sunzi wird parallel zum taktischen und strategischen Wissen des eigentlichen Gefechts die Überlegenheit des „Siegens ohne zu Kämpfen“ hervorgehoben (Kap. III.1). Explizit wird die Forderung nach sowohl körperlicher wie geistiger Kultivierung gleich zu Beginn (§1) auch in den „Verordnungen für die Krieger“ (Buke-shohatto) des Tokugawa-Shogunats aus dem Jahr 1615 genannt. Und auch die endlosen Diskussionen der Gegenwart um Bundeswehreinsätze im Ausland, Abschaffung der Wehrpflicht, Einführung einer Berufsarmee etc. rühren bewusst oder unbewusst immer wieder die zentrale Frage und Problematik menschlicher Existenz an: Welche Haltung nehmen wir gegenüber der Realität der Gewalt und der Sehnsucht nach Frieden ein?

Der Weg, mittels dessen wir uns im House of Combat bemühen, diesem Spannungsfeld konstruktiv zu begegnen, ist eben der kämpferische Weg, oder budô. „Kämpferisch“ bedeutet dabei, dass wir uns mit den Mitteln des waffenlosen Kämpfens, mit Hieb-, Stich-, und Alltagswaffen und nicht zuletzt mit Projektilwaffen auseinandersetzen; sowohl offensiv als auch defensiv. Über die vielen offenen Fragen im Zusammenhang mit den Kampfkünsten, gerade auch was die dadurch gewonnene „Sicherheit oder Wehrfähigkeit“ betrifft, sind wir uns bewusst (siehe: „Essay“). Dennoch haben wir uns dafür entschieden, dass weder offene Fragen noch das Fehlen von letztendlicher Gewissheit über die Richtigkeit und Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns uns blockieren oder lähmen dürfen. Insofern bedeutet „Weg“ () für uns, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, und dabei doch stets offen und empfänglich für Veränderungen und Anregungen zu bleiben. Si vis pacem, para bellum – Wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor. Auf die Auseinandersetzung vorbereitet sein, und doch nach Frieden streben: ein solches Leben zu führen, ohne innerlich Schaden zu nehmen, zu verarmen, oder verborgene Aggressionen und Feindseligkeiten aufzubauen ist nur möglich durch ein Gegengewicht zum bu, eben jenem bereits erwähnten bun, der (durch den Schreib-Pinsel des Gelehrten zum Ausdruck gebrachten) Kultivierung der Persönlichkeit. Mögen wir in diesem Sinne immer weiter voranschreiten.

Dsi Lu [ein Schüler des Konfuzius] fragte, was Stärke sei. Der Meister sprach: Meinst du die Stärke des Südens, oder die Stärke des Nordens, oder die Stärke an sich? Weitherzig sein und mild im Lehren, und nicht vergelten denen, die hässlich handeln: das ist die Stärke des Südens. Und ein Edler verweilt dabei. In Stahl und Leder schlafen und sterben, ohne zu murren: das ist die Stärke des Nordens. Und der Starke verweilt dabei. Darum strebt der Edle nach Harmonie, aber ohne davongetrieben zu werden. Er steht in der Mitte und beugt sich nach keiner Seite: wie mächtig ist er doch in seiner Stärke! Wenn das Land auf dem rechten Weg ist, bleibt er derselbe, der er war, als er noch nicht Erfolg hatte: wie mächtig ist er doch in seiner Stärke! Wenn das Land auf falschem Wege ist, so ändert er sich nicht, ob er auch sterben müsste: wie mächtig ist er doch in seiner Stärke!

(Zhong yong, „Maß und Mitte“)

 

Budô-Romantik, „die Straße“ und das „House of Combat“

Die Kampfkunst-Szene der Gegenwart ist nahezu unüberschaubar vielfältig und facettenreich. Und die Kampfkunst-Szene der Gegenwart ist in Bewegung; ob mehr als früher, oder sogar mehr denn jemals zuvor, sei dahingestellt – sicher ist jedoch, dass der Einfluss und die Auswirkungen des Web 2.0 auch hier bewusst und unbewusst das Bild und die Auffassung darüber, was „Kampfkunst“ eigentlich war, ist und sein soll bzw. sein kann, durch Youtube, Homepages und Foren eine neue Dimension dazugewonnen haben, welche es in dieser Weise früher nicht gab. In diesem Essay möchte ich einige aktuelle Themen & Kontroversen der im weiteren unter dem Begriff Kampfkunst versammelten Phänomene aufgreifen, und diese aus meiner Sicht oftmals wichtigen, noch öfter aber unter Einseitigkeit in der Propagierung leidenden Probleme kommentieren.

1) Budô-Romantik und die Realität des Krieges

Der erste Gegenstand nicht selten hitzig geführter Debatten ist die Polarisierung „Budô-Romantik(er)“ versus „die Realität“ des Krieges. Die Grundzüge beider Lager sind dabei mit wenigen Worten ausgedrückt die folgenden: Budô-Romantiker sind nach Auffassung ihrer Gegner solche Personen, welche in die Kampf- und Kriegskünste früherer Zeiten sowie die ihnen zugerechneten, prominenten (z.B. Miyamoto Musashi, Yagyu Munenori) oder anonymen Vertreter „tugendhafte, heroische Charaktere“ sowie einen „allgemeinen, für alle verbindlichen Ehrenkodex“ (bushidô) hineinprojizieren; Zuschreibungen und Ansichten, welche in Wahrheit niemals zutreffend gewesen sein sollen. Was lässt sich hierzu sagen?

Die Bewegung der „Anti-Budô-Romantiker“ – ob sie tatsächlich Realisten oder Desillusionisten, oder nur Skeptiker, Pessimisten o.ä. sind sei dahingestellt – ist zweifellos an mehreren wichtigen Aufklärungsprozessen betreffs idealistisch eingefärbter oder historisch schlichtweg falscher Anschauungen bezüglich der asiatischen kämpferischen Traditionen beteiligt. Zu nennen ist hier zunächst einmal der in unzähligen Kurzbeschreibungen, auf den Webseiten diverser Kampfkunst-Clubs, Sport-Vereine etc. zu findende Mythos des „Ehrenkodex mittelalterlicher japanischer Krieger“, des Bushidô. Das dort verbreitete Bild des edlen, tugendhaften Samurai wird zudem durch die in 99% aller Fälle miserablen „Pseudo-Dokumentationen“ des Fernsehens auch bei Außenstehenden bestärkt. Die Anti-Budô-Romantiker werden demgegenüber nicht müde zu betonen, wie abwegig jeglicher Glaube an Aufrichtigkeit in Zeiten des Krieges sei; Hinterlist, Meucheleien und Metzeleien, Plünderungen und Vergewaltigungen seien die einzig maßgebliche und zu allen Zeiten dominierende Realität des Krieges gewesen  (und sind es auch noch heute). Auffallend an beiden Positionen ist meiner Meinung nach die Polarisierung, die „entweder-oder-Haltung“ beider Lager. Das Phänomen „Krieg“ ist dermaßen zeit- und kulturübergreifend, dass alle verallgemeinernden Aussagen über Verhalten und Dispositionen der direkt und indirekt daran Beteiligten sich bislang und wohl auch auf absehbare Zeit auf keinerlei empirisch und methodisch fundierten Forschungen stützen können. Daher gibt es aber auch gar keine Notwendigkeit, sich dem einen oder anderen Lager zuzuschlagen/zuzuordnen. Allen Menschen grundsätzlich die Möglichkeit absprechen, sich im Rahmen (von Tage, Wochen oder sogar Jahre andauernden) kämpferischer Handlungen ethisch zu verhalten, hieße ebenso das Kind mit der Wanne ausschütten, wie die Augen davor zu verschließen, dass Krieg immer auch, ja vielleicht sogar an erster Stelle, Leiden bedeutet. Es gibt die Redewendung, „der Krieg bringt das Beste und das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein“, was als Ermahnung und Aufruf gelten sollte, nicht den Krieg als solchen zu beschönigen, geschweige denn zu verherrlichen, sondern das Potential des Menschen zum Guten selbst unter widrigsten Umständen nicht aus den Augen zu verlieren.

Ein zweiter Bereich, in welchem die von ihren Gegnern abwertend bezeichneten Budô-Romantiker ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, ist die historische Rolle des Zen-Buddhismus im Gefüge der asiatischen Kampfkünste. Auch hier ist es zunächst einmal so, dass die „Budo-Realisten“ zurecht die für Viele als ausgemacht geltende Verbindung, wenn nicht gar Einheit von Kampfkünsten und Zen-Buddhismus (Schlagwort ken-zen-itchi) entschieden zurückweisen und Vertreter und Freunde einer solchen Auffassung nicht selten des baren Unwissens bezichtigen. Aber auch hier gehen leider die interessanten und relevanten Informationen und Belege für oder wider bestimmte Meinungen im Lärm der Auseinandersetzung unter und bleiben ungehört. Klar ist nach heutigem Forschungsstand der Sinologie und Japanologie, dass weder Bodhidharma irgendwelche „Kampfkünste und Körperübungen“ unterrichtet hat, noch haben „die Samurai“ Zen und Kampfkunst grundsätzlich in einem außergewöhnlich innigen Verhältnis zueinander gesehen. Viel an dem heute geläufigen Bild des Zen-Kriegers ist historisch unhaltbar und durch einseitige Gewichtung bestimmter Quellentexte und moderner Bücher (wie etwa „Zen in der Kunst des Bogenschießens“) entstanden. Aber auch hier ist es so, dass jegliche Verbindung und jeglichen Einfluss des Zen auf die Kampfkünste abstreiten zu wollen ebenso verkehrt und auch historisch unhaltbar wäre. Ganz zu schweigen von der Nutzbarmachung der Kampfkünste für die Entwicklung bestimmter geistiger und kognitiver Fertigkeiten, die auch im Zen von Bedeutung sind. Denn auch wenn solche Entwicklungen in der Regel zeitlich später vonstattengegangen sind als allgemein angenommen wird, so sind sie dennoch vielerorts und in vielen Stilen erfolgreich geschehen. Dass eine solche, weiterentwickelte Kampfkunst sich innerlich und äußerlich ebenso wie in ihren Schwerpunkten bezüglich Wehrfähigkeit oder Gesundheitsförderung von ihren früheren Formen unterscheidet ist klar, sollte aber als Bereicherung der Möglichkeiten gesehen und nicht als Verlust einer vermeintlich „einzig wahren, authentischen Kampfkunst“ beklagt werden. Während es hier der einen Seite gut täte, die Mühe auf sich zu nehmen, mehr in zuverlässige Werke zum Thema Kampfkunst zu blicken – von denen es mittlerweile, anders als noch vor zwanzig Jahren, durchaus eine nicht geringe Anzahl gibt – sollte die andere Seite sich öfter bewusst machen, dass Wissens- und Aufklärungsprozesse wohl selten dadurch erfolgreicher waren (wenn sie es überhaupt waren), dass sie mit lauterer Stimme vorgetragen worden sind.

2) „Die Straße“ oder die Frage nach der Praxistauglichkeit

Der zweite Bereich gegenwärtiger Diskussionen, welchen ich hier kurz ansprechen möchte, ist die Frage nach der Relevanz alter und neuer Kampfkünste, Kampfsportarten etc. hinsichtlich effektiven Selbstschutzes, kurz der „Selbstverteidigung“. Im Unterschied zum zuvor behandelten Thema lassen sich hier allerdings leider nicht so einfach zwei klare Lager unterscheiden. Es geht vielmehr um ein komplexes Geflecht von Auffassungen und Thesen, welches individuelle und stilspezifische Aspekte ebenso umfasst, wie die davon nicht zu trennende Fragen über Sinn und Zweck der Kampfkünste überhaupt. Dabei kommen u.a. folgende Gegensätze vor:

  • Traditionelle Kampfkünste (wie z.B. Judo, Karate, Taekwondo, „Kung Fu“) versus moderne Kampfkünste (wie z.B. sogenannte Hybridsysteme, PFS, JKD, Fillipino Martial Arts, militärische Nahkampfsysteme und daraus abgeleitete Zivil-Verteidigungssysteme)
  • Wettkampf versus Nicht-Wettkampf; sowohl innerhalb z.B. des Judo und Karate, als auch von Wettkampf-betreibenden Systemen versus nicht Wettkampf beinhaltende Systeme (traditionelle sowie moderne). Damit eng verbunden ist oftmals die Frage nach dem kämpferischen Nutzen oder Nicht-Nutzen der Formen (kata) in den traditionellen Systemen.
  • westliches Boxen und Ringen versus traditionelle Kampfsportarten
  • westliches Boxen und Ringen versus moderne Hybridsysteme etc.
  • Kickboxen, Thaiboxen und natürlich Mixed Martial Arts (MMA) versus alle anderen Systeme und Stile
  • Wing Chung in allen Varianten untereinander und gegenüber anderen Systemen
  • „der Straßenschläger“ ohne Kampfkunst-Erfahrung, aber mit Gewaltbereitschaft und Gewalterfahrung gegen die breite Masse der Praktizierenden aller Stile ohne „Straßenerfahrung“
  • klassische japanische Kampfkünste (koryû), z.B. des Schwertkampfes und deren grundsätzliche Eignung zur Selbstverteidigung
  • Taijiquan und die sogenannten „inneren Stile“ (grundsätzliche Eignung zur Selbstverteidigung)

Was lässt sich zu dieser Vielfalt an Kontroversen sagen? Zunächst einmal wird schnell klar, dass praktisch jede generelle Aussage betreffs der Überlegenheit oder Unterlegenheit, der Eignung oder Nicht-Eignung des einen oder anderen Systems auf bestenfalls eigenen Erfahrungen und halbwegs nachvollziehbaren Annahmen und Überlegungen basiert. Dass man damit aber – ähnlich wie bei der Frage nach dem moralischen Verhalten (oder Nicht-Verhalten) im Krieg – Lichtjahre davon entfernt ist irgendwelche allgemeingültigen Thesen so belegt zu haben, dass sie den Ansprüchen moderner Wissenschaftstheorien genügen, liegt offen auf der Hand. Warum also der ganze Streit?  Es scheint, dass es dabei entweder nur um handfeste geschäftliche Interessen, oder aber um verletzte persönliche Gefühle gehen kann. Fruchtbar scheint für mich an diesem Disput wenig; der eigene Stil, die Art und die Inhalte die man gelehrt bekommt, der individuelle Prozess der Schwerpunktsetzung des Trainings sowie die angeborenen und erworbenen physischen, psychischen und mentalen Fertigkeiten sind meiner Meinung nach die einzigen konkreten (wenn auch schwer genug erfassbaren) Variablen (oder besser Indikatoren), welche, wenn überhaupt, in der Summe über die Kampffertigkeit einer einzelnen Person entscheiden. Einen solchen, für sich selbst ermittelten „Kampffertigkeits-Quotienten“ aber leichtfertig für andere Personen zu erstellen bedeutet, das Feld halbwegs zuverlässiger und greifbarer Einsichten gänzlich zu verlassen und das weite Feld reiner Spekulation, wenn nicht blanker Phantasie zu betreten.

Leitgedanken im „House of Combat“

Ungeachtet all der aktuellen Fragen, Probleme und Kontroversen welche in den beiden obigen Punkten angesprochen wurden – die Faszination der Kampfkünste bleibt ungebrochen. Dass es dabei keinen Stil, keine Schule und keinen Lehrer geben kann, der für alle Interessenten alles was sie brauchen und suchen vollständig abdeckt, ist nur natürlich und kein Makel. Das Angebot im House of Combat beruht dabei auf folgenden Grundanschauungen:

  • Alle Trainer und Mitglieder bekennen sich zu einem respektvollen Umgang miteinander. Im Training und im House of Combat ist kein Platz für Diskriminierung aufgrund von Alter, Geschlecht, Religion, Nationalität, Besitz, körperlicher und geistiger Beeinträchtigungen etc.
  • Das House of Combat bietet einen Raum für die Entwicklung körperlicher, psychischer und geistiger Stärke und Widerstandskraft. Wer bei uns mitmachen will ist aufgefordert, die Verantwortung für sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und nicht anderen die Schuld für anhaltende persönliche Probleme oder Schwierigkeiten jedweder Art zu geben.
  • Unterschiedlichkeiten im Charakter, der Lebensweise und den Wertvorstellungen sehen wir nicht als Bedrohung unserer eigenen Person, sondern als ständige Erinnerung daran, ohne Furcht unseren eigenen Weg zu verwirklichen. Wir sehen es als eine der größten Herausforderungen, diesen Weg immer wieder neu zu gestalten, ohne uns dabei in Gefühlen der Überheblichkeit oder der Minderwertigkeit gegenüber unseren Mitmenschen zu verlieren.

 

Julian Braun, Jahrgang 1973; Kampfkunst seit 1980.

Studium der Japanologie, Philosophie und Völkerkunde in München (Magister Artium).  Promotion (Dr. phil.) im Fachbereich Japanologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Mehrere pädagogische Fort- und Weiterbildungen.

Zu den praktischen Schwerpunkten der Arbeit von Julian Braun, welche er auch in Form von einzelnen Trainingseinheiten oder Seminaren im „House of Combat“ vermittelt, gehören u.a.

  • Methoden des „Greifens, Werfens und Schlagens“
  • Taijiquan, Qigong und Yoga
  • Meditation sowie Methoden zur geistigen Arbeit und Schärfung der Wahrnehmung

Julian Braun ist Autor mehrerer Texte und Bücher zum Themenkomplex „Philosophie, Ethik und Kampfkunst“, u.a.

  • Der gemeinsame Weg von Schwert und Pinsel – Philosophie und Ethik japanischer Kriegskunst der Tokugawa-Zeit (1603-1868).“ Die Doktorarbeit im Fachbereich Japanologie aus dem Jahr 2006 beschäftigt sich mit der Frage wann, wie und mit welchen Inhalten eine Verbindung dieser drei Bereiche in Japan erfolgte, sowie der tiefer liegenden Frage, warum eine solche Verbindung möglich war bzw. ist.
  • Ninjutsu – Geschichte und Gegenwart“. Die Magisterarbeit im Fachbereich Japanologie aus dem Jahr 2001 geht im ersten Teil der Frage nach, welche Spuren asymmetrischer und unorthodoxer Kriegsführung es in Japan seit der frühesten Zeit bis zum Ende der Tokugawa-Periode gibt. Der zweite Teil untersucht die spirituellen Lehrinhalte des modernen Togakure-ryû Ninjutsu auf ihre Verbindung und Übereinstimmung mit den traditionellen Lehren des Daoismus und Buddhismus.
  • Karate als Lebensweg – Selbstkultivierung auf der Grundlage der zwanzig Leitsätze des Shôtôkan-Karate“ (2011). Dieses Buch erläutert und kommentiert die zwanzig Leitsätze des Begründers des Shôtôkan-Karate, Gichin Funakoshi. Dies geschieht durch eigene Gedanken des Autors einerseits, sowie durch die Heranziehung unterschiedlicher klassischer Schriften des Konfuzianismus, Daoismus, der Kriegskunst etc. andererseits. Um über ein rein abstraktes Verständnis hinauszugehen, werden für jeden Leitsatz zudem praktische Übungen und Meditationen angeboten.
  • Zusammen mit Prof. Andreas Niehaus, Universität Gent: „Kaibara Ekiken (1630-1714) – Regeln zur Lebenspflege“ (2010). In 9 Kapiteln mit insgesamt 469 Paragraphen bietet der Verfasser des Werkes einen Querschnitt durch alle Bereiche der gesunden Lebensführung im weitesten Sinne. Behandelt werden u.a. die menschliche Natur, Essen und Trinken, Verdauung, Arzneimittel, die Pflege der Eltern, die Wahl eines guten Arztes, die Ausbildung eines Arztes, das rechte Altern, Akupunktur und Moxibustion, Atemübungen etc.

Weitere Informationen zu Julian Braun und seinen Veröffentlichungen auf seiner Homepage unter: www.selbstschmiede.de